1. Warum sich mit Industrie 4.0 auseinandersetzen?

Ob „Digitalisierung“, „Industrie 4.0“ oder „Internet of Things“ – alle Begriffe stehen für den digitalen Wandel der Wirtschaft. Die „Welt“ wird zunehmend „smarter“ und die Unternehmen der Zukunft sind digital, sogar virtuell. Alles ist mit allem vernetzt. Was bedeutet dies für die heutigen Unternehmen?

1.1 Trends

Die aktuellen Trends treiben vor allem die Kunden: Sie wollen nicht nur individuelle Produkte, sondern sie kaufen Erlebnisse. Diese sollen situationsbezogen, abwechslungsreich und vor allem sofort verfügbar sein. Mehrwerte und zusätzliche Dienste werden zu klaren Wettbewerbsvorteilen. Die gesellschaftlichen Trends prägen die Geschäftsmodelle und technischen Anforderungen, zum Beispiel Teilen (Shareconomy) und Netzwerken.

  • Massenprodukte sind out – individuelle Produkte sind die Zukunft.
  • Heute gekauft und morgen bereits veraltet – was lange Zeit vor allem für PCs galt, gilt heute für immer mehr technische Produkte. Der Lebenszyklus von Handys sank binnen 10 Jahren von 4 auf 1 Jahr.
  • Jetzt bestellt – sofort geliefert. Kunden erwarten die Lieferung der neuen Uhr innerhalb von 24 Stunden, das bestellte Essen sogar innerhalb von Minuten. Die Industrie fordert Lieferungen nicht mehr „nur“ just-in-time, sondern zusätzlich just-in-sequence – und das über Distanzen von 1.000 km.
  • Neue Geschäftsmodelle mischen ganze Branchen auf: Facebook ist das weltweit größte Medienunternehmen – ohne eigene Inhalte; Uber befördert Fahrgäste – ohne eigene Fahrzeuge und Airbnb ist eine Art Hotelkette – ohne eigene Häuser. Google baut autonome Autos und die Automobilbauer haben riesige Softwareabteilungen.
  • Gekauft wird international. Wer den besten Preis, die beste Qualität und den besten Service anbietet, gewinnt. Und jede schlechte Bewertung im Internet schadet dem Image.
  • Bezahlt wird nur, was gebraucht wird (pay per use). Die Konsumenten machen es vor: Statt des eigenen Autos bezahlen sie für den Ausflug – das Fahrzeug gehört einem Carsharing-Anbieter. Gleiches gilt zunehmend für Unternehmen: Statt eigener Lizenzen und Server, wird die Software bedarfsorientiert über einen Browser genutzt (Software as a Service – SaaS).

 

„Industrie 4.0 ist eine stille Revolution und gleicht einem Schnellzug: Wer nicht am Bahnhof auf den Zug wartet, wird keine Chance haben, auf den Zug aufzuspringen!“

 Johann Hofmann, Leiter Value Facturing der Maschinenfabrik Reinhausen

Die Basis für diese Entwicklungen ist der technische Fortschritt: Sensoren, die die Umgebung analysieren, Software, die die Daten verarbeitet, schnelle Rechner und Internetverbindungen, preiswerter Speicherplatz und Softwaresysteme, die alle Suchanfragen, Klicks und Likes ihrer Nutzer registrieren und daraus Interessen und Produktvorschläge ableiten. Die wichtigste Basis ist jedoch die Innovationskraft und Phantasie der Unternehmer, die aus Technik und Daten neue Produkte und Businessmodelle schaffen. Die Digitalisierung durchdringt alle Funktionen eines Unternehmens und macht vor keiner Branche halt.

„Wer nicht auf Industrie 4.0 setzt, droht im Wettbewerb zu verlieren!“

 Dr. Jens Nitsche, Director Research & Development der Ingenics AG

„Gerade für die starke deutsche Wirtschaft bietet die Vernetzung große geschäftliche Chancen. Diese Chance wird aber vertan, wenn die deutschen Unternehmen bei der Umsetzung zu langsam sind. Deutschland muss jetzt schnell die Voraussetzungen für die vernetzte Industrie schaffen, sonst verspielen wir im Wettbewerb mit anderen Regionen unsere eigentlich vorhandenen Stärken und Vorteile.“

 Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung, Robert Bosch GmbH

Christian Schwindling zum Thema Arbeit 4.0

Wie verändert sich unsere Arbeitswelt durch Industrie 4.0?

Industrie 4.0 bedeutet nicht, wie in vielen Szenarien oft beschrieben, menschenleere Fabrikhallen. Vielmehr verändert sich das Arbeiten. Die Digitalisierung und die intelligente Vernetzung von Mensch, Technik und Organisation führt zu Potenzialen in den Bereichen Rationalisierung aber auch Humanisierung. Maschinen und Roboter übernehmen immer mehr Aufgaben von Menschen, wobei es sich meist um Aufgaben handelt, die durch einen Rechner oder eine Maschine schneller, kostengünstiger und ohne Ermüdungserscheinungen erledigt werden können. Gleichzeitig bieten Assistenzsysteme Möglichkeiten die Arbeit humaner und gesünder zu gestalten. Die Beschäftigten werden stärker in die Prozesse eingebunden, zum Bespiel um Abläufe zu koordinieren, die Kommunikation zu steuern und eigenverantwortlich schnell Entscheidungen zu treffen.

Welche neuen Jobs entstehen?

Der Einzug von IT-Technologien auf allen Ebenen wird die Berufsbilder der Zukunft verändern – sei es im Büro, bei Dienstleistungen oder in Produktion und Logistik. Zum einen werden immer mehr Fachkräfte benötigt, die IT-Lösungen umsetzen, wie z.B. hardwarenahe Softwareentwickler. Zum anderen werden die Beschäftigten, egal welchen Beruf sie ergreifen, künftig höhere IT-Kompetenzen benötigen als heute. Dabei ist damit zu rechnen, dass im Mittelstand mehr IT-Umsetzungskompetenz gefragt sein wird, Großunternehmen werden hingegen vermehrt Experten für den Umgang mit großen unstrukturierten Datenmengen suchen. Es ist schwer vorauszusagen welche Tätigkeiten wegfallen oder sich stark verändern, allerdings werden in jedem Fall neue Jobs in stark veränderten Berufsbildern entstehen. Diese ständige Veränderung der Arbeitswelt fordert von Beschäftigten und Unternehmen eine Bereitschaft zum lebenslangen Lernen.

Wie verändert sich die berufliche Ausbildung

Die berufliche wie auch die akademische Aus- und Weiterbildung muss sich im Dialog mit der Industrie weiterentwickeln, um Antworten auf die Anforderungen in der neuen Arbeitswelt zu bieten. Beispielsweise sind Partnerschaften zwischen Unternehmen und Hochschulen denkbar. IT-Kompetenzen werden über alle Ausbildungen hinweg zum zentralen Erfolgsfaktor. Hinzu kommt ein ganzheitliches Prozessverständnis. Darüber hinaus werden vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten und eine Arbeitsorganisation, die das Lernen von Beschäftigten fördert immer wichtiger.

Welche neuen Anforderungen werden an Führungskräfte gestellt?

Durch das Zusammenwachsen von Informationstechnologie, Automatisierungstechnik und Software werden Führungstätigkeiten anspruchsvoller, interdisziplinäre Kompetenzen sind zunehmend gefragt. Um die Fachkompetenzen und Stärken eines Teams voll nutzen zu können und einen Mehrwert für alle zu schaffen, müssen aber auch die sozialen und Methodenkompetenzen entwickelt und angewendet werden. Auch das Thema flexibles, mobiles Arbeiten ist eine Herausforderung, der sich Führungskräfte zukünftig stellen müssen. Zum einen bieten die neuen Technologien die Möglichkeit, jederzeit und überall erreichbar zu sein und sehr selbstständig und frei zu arbeiten, zum anderen gilt es, die Teamzusammengehörigkeit aufrecht zu erhalten und eine saubere Trennung zwischen Beruf und Familie zu ermöglichen.

Dr. Norbert Pfleger zu Spracherkennung und Sprachsteuerung

Spracherkennung, Sprachsteuerung und virtuelle persönliche Assistenten sind derzeit ein echter Hot Topic auch im Umfeld von Industrie 4.0. Wie können solche Systeme in der Praxis helfen?

Dr. Norbert Pfleger: „Mit sprachbasierter Steuerung lassen sich Roboter und Produktionsmaschinen steuern sowie ganze Szenarien auslösen und ändern, und zwar ohne dass sich der Bediener auf einem Bildschirm durch starre Menüs klicken muss. Mit einem wirklich intelligenten System genügt es, natürliche Sprache zur Kommunikation einzusetzen – das ist intuitiv und spart Zeit. Proaktive Assistenzsysteme können weitere Unterstützung bieten und helfen sogar dabei, Fehler zu vermeiden.

Die Steuerung von Maschinen über Sprache ist sicher eine naheliegende Aufgabe – aber gibt es auch weniger offensichtliche Anwendungsfälle?

Dr. Norbert Pfleger: In der Tat: Auch aus der Logistik und Planung verzeichnen wir immer häufiger Anfragen, ob man die Dateneingabe und -abfrage nicht über eine robuste Sprachschnittstelle lösen kann, für Warenwirtschaftssysteme und ERP-Systeme zum Beispiel. Und ja, das geht natürlich. Pick-by-Voice gibt es ja schon länger, doch heute können wir auch hier mit proaktiven Assistenzfunktionen und der vollständigen Integration anderer Ein- und Ausgabemethoden einen noch größeren Mehrwert bieten. Am Ende steht, wie auch bei der Steuerung, immer die Effizienzsteigerung und die Entlastung des Bedieners, der sich nicht mehr an die Maschine anpassen muss – weil die Maschine sich nun an ihn anpasst.“

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